Studieren mit Familie

Good Practices Kinderbetreuung: Flexible Kinderbetreuung im Studierendenwerk Thüringen

Am Ernst-Abbe-Platz in Jena befindet sich das Reich der JUniKinder (Jenaer UniversitätsstadtKinder) direkt hinter der Fensterfront im Erdgeschoss eines Unigebäudes: Ein etwa 60 Quadratmeter großer, freundlich anmutender Raum mit Bastelarbeiten an der Wand, Spielsachen am Boden, einer Küchenzeile und Babybetten in einer Ecke. Nach einer Buchung mit einem Vorlauf von sieben Tagen im Infozentrum gleich nebenan können Eltern ihre Kleinkinder hierhin bringen, wenn sie Zeit für Studium oder Lehre brauchen.

Denn gerade die Zeit zur Fortsetzung des Studiums oder auch einer wissenschaftlichen Karriere ist knapp, wenn der Nachwuchs eigentlich noch rund um die Uhr betreut werden muss. Je nach Bedarf kann die Einrichtung bis zu zehn Kinder gleichzeitig aufnehmen. Gebucht wird in Blöcken von jeweils zwei Stunden. Ab acht Uhr morgens, wenn die ersten Vorlesungen des Tages stattfinden. Bis 20 Uhr abends, wenn die letzten Sprachkurse enden und Jenas Kitas längst geschlossen sind. Das Betreuungsangebot des Studierendenwerks Thüringen in Kooperation mit der Friedrich-Schiller-Universität und der Ernst-Abbe-Hochschule Jena ermöglicht die Flexibilität, die Studierenden oder Uni-Mitarbeitenden mit Kind im Alltag oft fehlt.

Der Ernst-Abbe-Platz war einmal so etwas wie das Herzstück der Industriestadt Jena. Hier befand sich das Werk von Carl Zeiss, in dem im 19. Jahrhundert Mikroskope hergestellt wurden und zu DDR-Zeiten Mikrochips. Nach der Wiedervereinigung hat sich die Friedrich-Schiller-Universität in einigen der umliegenden Gebäuden angesiedelt. Jena hat sich seitdem als familienfreundliche Stadt der Wissenschaft ein Stück weit neu erfunden. Die Geburtenrate ist höher als im Bundesdurch- schnitt, die Kitaversorgung gilt als eine der besten im Land. Mit der Betreuung von Kindern ab einem Alter von zwölf Wochen schloss die Einrichtung der JUniKinder bereits vor zehn Jahren eine Angebotslücke. Davon profitieren studentische Familien bis heute.

Da ist zum Beispiel der kleine Hanno, zehn Monate alt. Ihn bringt seine Mutter Jana Thriemer, 27, an zwei Vormittagen in der Woche zu den JUniKindern. Für die junge Mutter ist es ein Segen. Sie hat nach ihrem Lehramtsstudium bereits Tochter Edda bekommen, die heute vier Jahre alt ist. Während des Referendariats konnte Jana Thriemer ihre Unterrichtsstunden oft erst am späten Abend planen, denn auch ihr Partner arbeitete zu diesem Zeitpunkt schon als Lehrer.

Mittlerweile hat sie ein postgraduales Studium im Fach Astronomie aufgenommen und bereitet sich auf ihr erstes Schuljahr als Lehrerin an einem Gymnasium vor. Die acht Stunden, die sie in der nahegelegenen Bibliothek verbringen kann, sind für die junge Mutter die effizienteste Zeit in der Woche. Gleichzeitig weiß sie, dass Hanno bei den JUniKindern gut aufgehoben ist. Er wird in den kommenden Stunden durch die Spiellandschaft robben, ein Gläschen mit Babynahrung verputzen, neue Gegenstände für sich entdecken und ein paar Gehversuche mit der lizensierten Tagesmutter absolvieren.

Susanne Bartneck hat ihren Arbeitsschreibtisch ebenfalls in den Räumlichkeiten der JUniKinder. Hier hat die lizenzierte Tagesmutter, die bunte Pantoffeln an den Füßen trägt, ein offenes Ohr für Eltern. Von hier aus koordiniert sie das Team aus studentischen Hilfskräften, die für ihre Mitarbeit Praxiserfahrung zum Tariflohn bekommen. „Mir ist wichtig, dass die Studierenden einen Zugang zu den Kleinkindern entwickeln, weil die Bezugspersonen wechseln“, sagt Susanne Bartneck in einer ruhigen Minute am Mittag. Aufgrund des sehr guten Betreuungsschlüssels kann das Angebot individuell auf die Kinder ausgerichtet werden.

Als das Angebot 2008 entstand, wurde im Zuge der Exzellenzinitiative bundesweit über eine familien- und damit auch geschlechtergerechte Gestaltung der Universitätsstrukturen diskutiert. „Für uns war die Einrichtung der JUniKinder auch eine Verpflichtung, weil wir den chancengerechten Zugang zum Studium verbessern wollen“, sagt Dr. Ralf Schmidt-Röh. Der Geschäftsführer des Studierendenwerks Thüringen kennt die Geschichten von Alleinerziehenden, die von einem Studium absahen oder es abbrachen, weil ihnen die Unterstützung im privaten Umfeld fehlte. Für sie soll das Versorgungssystem ein Sicherheitsnetz sein.

Andere Eltern nutzen die JUniKinder eher als weiteren Betreu- ungsbaustein. Julia Aftanski, 30, ist eine von ihnen. Die junge Mutter hat ihr Masterstudium in Psychologie nach der Geburt des zweiten Sohnes wiederaufgenommen. Sie kann in der Woche drei Seminare besuchen und sich am Ende des Semesters auf ihre Prüfungen vorbereiten, während der kleine Benjamin die JUniKinder besucht. Für ihn sollen die ersten Stunden ohne Mutter die oft schwierige Eingewöhnung in der Kita zumindest erleichtern. Dieses Motiv werde von Eltern häufig genannt, sagt Dr. Schmidt-Röh.

An einer Wand in der Einrichtung ist über die Jahre eine Ahnengalerie mit gerahmten Fotos glücklicher JUniKinder entstanden, die dankbare Eltern hinterlassen haben. Susanne Bartneck freut sich, dass die Galerie immer weiterwächst.

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