Personalia

„Das Studierendenwerk in Thüringen aufzubauen, war meine Lebensaufgabe“

Wenn Sie Ihr Studium mit einem Studium in der heutigen Zeit vergleichen, welche Unterschiede gibt es da?
Inhaltlich gelten in der Mathematik und Physik sicher auch heute die gleichen Gesetze, Regeln und logischen Verknüpfungen. Um zu den abschätzbaren Ergebnissen zu kommen, nutzten wir Tafelwerke, Formelsammlungen und immerhin Taschenrechner. Eine versäumte Vorlesung wurde mit einer Mitschrift durch Einlage von Blaupapier in den Schreibblock aufgeholt. Die Beleg- und Examensarbeiten wurden mit der Schreibmaschine geschrieben, bei notwendigen Vervielfältigungen auf Ormig-Papier und die Formeln wurden händisch in den Text eingetragen. Und auch ein bodenständiges Mathe-Studium war politisch durchsetzt, marxistisch-leninistische Studien waren Pflicht – aber auch die Teilnahme am Studentensport, was wohl eher von Vorteil war. Die Unterbringung auf sechs Quadratmetern im Vierbettzimmer im Wohnheim für 10 Mark Nutzungsgebühr pro Monat wird unvergessen bleiben. Das Mittagessen habe ich wie heute in der Mensa Philosophenweg eingenommen, allerdings für 60 Pfennig. Und es gäbe noch vieles mehr zu berichten. Aber Computer, Tablett, Handy, Online-Vorlesung, Campus-Managementsystem Fridolin, Studierendenservice und Studierendenwerk waren Anfang der 80er-Jahre unbekannte Fremdworte.  

 

Wieso sollte man heute die Angebote des Studierendenwerks in Anspruch nehmen?
Die Angebote des Studierendenwerks sind an den Bedarfen der Studierenden orientiert und werden auch unter einer solidarischen Beteiligung aller Studierenden finanziert. Bei entsprechender paritätischer Einbeziehung der Studierenden im Verwaltungsrat wird das Studierendenwerk in der Tradition einer studentischen Selbstverwaltung geführt. Diese Dienstleistungen wie auch das mögliche Selbstengagement fördern den Studienerfolg. 

 

Wie sind Sie Geschäftsführer des Studierendenwerks geworden?
In der Wendezeit war ich bereits für die Mensen und Sozialeinrichtungen der Universität zuständig. Aufgrund der damals bereits bestandenen Partnerschaften mit den Universitäten Erlangen, Göttingen und Tübingen hatte ich schon bald die Gelegenheit, auch die dortigen Studentenwerke und deren Geschäftsführer kennenzulernen und so eine motivierende Orientierung für meine weitere berufliche Entwicklung zu erhalten. Der damals aufkommende Wunsch, auch in Jena und Thüringen eine solche Einrichtung aufzubauen, wurde für mich schließlich zur Lebensaufgabe. 

Was waren Ihre persönlichen Highlights während Ihrer beruflichen Laufbahn?
Da können einige genannt werden: Die Promotion als Höhepunkt meiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Die Berufung in den Kreis von zehn Personen, die in Ostdeutschland die Errichtung von Studentenwerken organisieren sollten. Meine erste Teilnahme an einer Mitgliederversammlung des DSW (Deutsches Studentenwerk) war ein unvergessenes Demokratieerlebnis. Der erste Abschluss einer Mensasanierung in 1994, die Fertigstellung des ersten Wohnheimneubaus in 1995, eine erste Preisverleihung (Thüringer Holzbaupreis 2001) waren zählbare Ergebnisse des Engagements im Studierendenwerk. Und internationale Austauschprogramme mit Besuchen von Sozialeinrichtungen für Studierende u.a. in Frankreich, Russland, Bulgarien und Japan oder die Teilnahme an internationalen Tagungen zu Student Affairs in den USA, in China, Österreich und Portugal sorgten für eine vorteilhafte Horizonterweiterung und neue Ideen.

Sie haben mit einem zahlentheoretischen Thema promoviert. Kann man Ihre Tätigkeit als Geschäftsführer auch in ein paar Zahlen fassen?
In den vergangenen 30 Jahren wurden bei niedrigen Preisen Erträge in Höhe von 700 Mio. € erzielt und Investitionen im Umfang von ca. 300 Mio. € durchgeführt. Ebenso wohnten in dieser Zeit über 100.000 Studierende in den Wohnanlagen, wurden fast 80 Mio. Essensportionen verkauft und auf der Grundlage des BAföG ca. 340.000 Anträge bearbeitet und etwa 1,6 Mrd. € an Studierende ausgezahlt. Hinter diesen Zahlen stehen aber zuallererst motivierte und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die diese Leistungen erbracht haben und entsprechende Anerkennung verdienen.

Welcher Tätigkeit sind Sie in Ihrer langen Karriere am liebsten nachgegangen?
Die Arbeit für und mit Studierenden macht in allen Facetten Spaß. Da schließe ich auch die Arbeit in nationalen und regionalen Gremien, bspw. im Deutschen Studentenwerk, ein. Aber natürlich wird man besonders motiviert, wenn eine erfolgreiche Arbeit auch sichtbar wird – so wie bei der Umsetzung von Bauprojekten oder der Entwicklung von Menülinien.

Sie haben viele unterschiedliche Menschen während Ihrer Karriere getroffen. Was waren Ihre interessantesten Begegnungen?
Im Mittelpunkt meines Engagements standen stets die Begegnungen mit Studierenden aus aller Welt, von denen viele später ebenso eine interessante berufliche Entwicklung genommen haben – Bundestags- und Landtagsabgeordnete, Oberbürgermeister, Unternehmer, Journalisten, Kollegen in Studenten- und Studierendenwerken und in anderen Sozialeinrichtungen u.v.m. Aber auch Begegnungen mit den Bundeskanzlern Dr. Helmut Kohl und Gerhard Schröder bleiben ebenso wie die mit allen Ministerpräsidenten und den Wissenschaftsministern des Freistaats Thüringen in guter Erinnerung, auch wenn sie schon zum beruflichen Alltag zählten. Die sich mit der Wende in Ostdeutschland bietende Möglichkeit, mit Senator James W. Fulbright und Prof. Erich Markel zwei amerikanische Persönlichkeiten, die sich um beste Beziehungen mit Deutschland bemüht haben, kennenlernen zu dürfen, hat mich in meiner Arbeit stark motiviert.

Sie sind ein großer Fußball-Fan. Mit welchem Fußballclub lässt sich Ihre Karriere am ehesten vergleichen?
Oh ja, mit niedrigem Etat und relativ kleinem Kader, aber auch guter Nachwuchsarbeit und langjährig kontinuierlicher Führung bestmögliche Ergebnisse in der Bundesliga erreichen – dafür ist der SC Freiburg ein gutes Beispiel. Und auch der 1. FC Union Berlin ist auf einem guten Weg dahin.

Was wünschen Sie der Belegschaft und dem Studierendenwerk für die nächsten Jahre?
In der jetzigen Zeit steht da natürlich an erster Stelle eine gute Gesundheit, die mehr denn je die Voraussetzung für eine hohe Leistungsbereitschaft ist. Mit dieser gilt es, die Leistungsangebote flexibel an den sich verändernden Bedarfen der Studierenden auszurichten, damit das Studierendenwerk für sie stets ein zuverlässiger Partner bleibt. Dazu wird es erforderlich sein, dass das Studierendenwerk von vielen Partnern zum Wohle der Studierenden unterstützt wird. Meinem Nachfolger Torsten Schubert wünsche ich für die Leitung unseres Studierendenwerks viel Erfolg.

Was überwiegt: Freude oder Wehmut über den bevorstehenden Ruhestand?
Natürlich habe ich noch einige Ideen für Projekte und Vorhaben, die ich nun nur noch „weitergeben“ kann. Mehr aber schaue ich mit Freude auf das in den mehr als 30 Jahren Erreichte zurück und wende mich meinem neuen, wohl etwas anders zu gestaltenden Lebensabschnitt zu.

Was werden Sie in Ihrem Ruhestand als erstes tun?
Da nicht nur die gesamte Schaffenszeit, sondern auch insbesondere die letzten beiden Jahre sehr anstrengend und herausfordernd waren, werde ich mir etwas mehr Ruhe und Erholung gönnen. Auch meine Familie und Freunde haben etwas mehr Zeit verdient. Und dabei werden mir sicher viele Dinge in den Sinn kommen, die ich schon immer mal machen wollte.  

Werden Sie es aushalten, nicht jeden Tag Ihren Nachfolger Torsten Schubert anzurufen?
Ich glaube ja, ich selbst wollte auch nicht ständig von der Arbeit abgehalten werden. (schmunzelt) Aber wenn ich das Studierendenwerk und meinen sehr engagierten Nachfolger noch etwas unterstützen kann, stehe ich gern zur Verfügung.

Das Interview führte Rebecca Heuschkel.

14.12.2021