Interview

"Hätte Stephen Hawking bei uns studieren können?"

Gibt es für beeinträchtigte Studierende tatsächlich Chancengleichheit an deutschen Hochschulen? Prof. Dr. Barbara Welzel, Prorektorin Diversitätsmanagement der TU Dortmund, Frieder Kurbjeweit, Student und aktiv in der Interessengemeinschaft Handicap der Universität Bremen, und Sandra Mölter, Leiterin der Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg im Gespräch.

DSW: Ist die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) von 2009 mittlerweile in den Hochschulen angekommen?

Frieder Kurbjeweit: Nein. Alle wissen irgendwie, dass es die Konvention gibt, aber in der institutionellen Praxis ist sie nicht präsent. Den ganzheitlichen Anspruch an die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen sehe ich weder an der Uni Bremen, noch an einem anderen Hochschulstandort in Deutschland verwirklicht.

Illustration eines Gesichts Barbara Welzel: Für meine Universität kann ich diese Frage mit ja beantworten. Die UN-BRK ist in der Fläche angekommen – im Baumanagement, in den Prüfungsordnungen, im Beschwerdemanagement, im Bewusstsein ihrer Mitglieder. Allerdings haben wir in Dortmund auch schon seit mehr als 40 Jahren mit DoBuS, das Dortmunder Zentrum für Behinderung und Studium, eine Einrichtung zur Beratung und Unterstützung beeinträchtigter Studierender. Für Hochschulleitungen ist die Konvention unglaublich hilfreich. Wir müssen nicht mehr debattieren, ob wir Teilhabe eröffnen und Zugänglichkeit und Barrierefreiheit herstellen wollen. Es geht um geltendes Recht, das wir einhalten müssen. Ich diskutiere daher nur noch, wie wir dieses Recht umsetzen.

Sandra Mölter: An der Universität Würzburg ist die UN-BRK auch angekommen. Auch landesweit spürt man einen gewissen Wandel. Das wird auch bei den Vernetzungstreffen der Beauftragten der bayerischen Hochschulen deutlich. Aber es gibt schon auch noch große Unterschiede, was den Stand der Umsetzung der UN-BRK an den einzelnen Hochschulen betrifft.

Illustration eines Gesichts Kurbjeweit: Alle berufen sich ständig auf die Konvention, aber ich habe bei Diskussionen oft den Eindruck, dass ich der einzige bin, der auch weiß, was drinsteht. Außerdem geht es um mehr als Artikel 24 der UN-BRK, um das Recht behinderter Menschen auf Bildung. Es geht um den inklusiven Geist und darum, was für eine Art von Prozess eigentlich geführt werden müsste. Daher sage ich: kaum bekannt, nicht verstanden und auch nicht verinnerlicht!

Gibt es an Ihren Hochschulen überhaupt noch Hürden und Barrieren, die Studierende mit Beeinträchtigungen überwinden müssen?

Welzel: Unsere größte Herausforderung ist der Generationenwechsel in der Professorenschaft. Was wir in mehr als einer Generation an Bewusstsein für die Belange Studierender mit Beeinträchtigungen und an Standards erarbeitet haben, muss jetzt weitergetragen werden. Deshalb haben wir das Thema zum Beispiel systematisch in der Hochschuldidaktik verankert. Natürlich gibt es immer auch wieder Probleme mit Lehrenden, aber die räumen wir in Einzelgesprächen aus dem Weg.

Illustration eines Gesichts Mölter: Hürden gibt es noch. Wir haben an der Uni Würzburg viele Bestandsbauten und die können nicht alle barrierefrei umgebaut werden, weil sie teilweise unter Denkmalschutz stehen. In dem Fall muss man dann versuchen, individuelle Lösungen wie Raumverlegungen, mobile Rampen etc. zu finden. Ganz klare Regelungen gibt es zu Nachteilsausgleichen. Die müssen durch die Lehrenden umgesetzt werden. Allerdings gibt es immer noch vereinzelt Professoren, die denken, dass ein Nachteilsausgleich ein Vorteil ist. Aber es geht um den Ausgleich eines Nachteils, nicht um einen Vorteil!

Kurbjeweit: Es gibt immer noch Hürden, vor allem bei den Strukturen und bei allem, was mit der Organisation des Studiums zusammenhängt: unflexible Prüfungsordnungen, Anwesenheitspflichten etc.
Bremen war ja zeitweise exzellent – und hat sich noch einmal stromlinienförmig ausgerichtet. Da haben beeinträchtigte Studierende erst einmal schlechte Karten. Das Problem ist: Es gibt Menschen mit Beeinträchtigungen und eine Struktur, die nicht gut damit umgeht.

Welzel: Ich möchte widersprechen, dass das Streben nach Exzellenz an Universitäten und Hochschulen automatisch den Aufbau von Barrieren bedeutet. Sehr zugespitzt formuliert: Wir haben nicht auf der einen Seite die guten, weltweit renommierten Forscher und dann auf der anderen Seite auch noch einen Bereich, wo wir Nachteilsausgleiche für die „Armen, Mühseligen und Beladenen“ bereithalten. Wir müssen uns in aller Deutlichkeit fragen: Sind wir Hochschulen, an denen jemand wie Stephen Hawking hätte studieren können und an denen jemand wie Stephen Hawking – aus Professoren- und Leitungssicht – unser Kollege wäre? Das ist der Standard, um den es gehen muss. Auch eine Exzellenzuniversität kann ein wunderbarer Ort sein, weil sie alle notwendigen Nachteilsausgleiche ermöglicht. Das Ziel ist doch, dass das, was fachlich gekonnt werden muss, exzellent gekonnt werden kann, weil keine Barrieren das verhindern.

Mölter: Beim Thema Hürden möchte ich noch die barrierefreie Didaktik ergänzen. Die Lehrenden müssen auch erst einmal lernen, barrierefrei zu lehren. Zum Beispiel sind die Präsentationen in der Regel nicht barrierefrei. Darüber hinaus sind Lehrende oft unsicher, wie sie beispielsweise mit Studierenden mit psychischen Erkrankungen umgehen sollen. Es passiert schon mal, dass Studierende aus dem Seminarraum laufen, weinen, hyperventilieren. Was soll der Dozent dann machen? Diese Fragen erreichen mich oft von den Lehrenden.

Finden denn die Lehrenden ausreichend Unterstützungsangebote in den Institutionen?

Welzel: Das ist eine Herausforderung an Strukturen, an Kommunikation und auch an Aufklärung und Training von Lehrenden. Wir haben diese Themen in unseren hochschuldidaktischen Standardprogrammen verankert. Wichtig ist aber auch: Es gibt nicht das Eine, was wir tun können, und dann sind wir barrierefrei für alle. Oft gibt es widersprüchliche Anforderungen. Barrierefreiheit erfordert ständige Aushandlungsprozesse.

Nachteilsausgleiche sollen Chancengleichheit ermöglichen. Funktioniert dieses Instrument?

Kurbjeweit: Nachteilsausgleiche funktionieren auf jeden Fall besser, wenn die Leute vorher in die Beratung kommen. Aber trotzdem sind sie nur ein Pflaster. Was in der Lehre oder in der Raumzuteilung passiert, die Probleme mit der Studienfinanzierung etc. – das können wir mit Nachteilsausgleichen nicht wettmachen. Das Erschreckendste aus der ersten best-Studie war die große Angst der Studierenden mit nichtsichtbaren Beeinträchtigungen vor Stigmatisierung. Viele kommen deshalb nicht in die Beratung und nutzen auch das Instrument des Nachteilsausgleichs nicht. Man kann den Nachteilsausgleich nett und schön ausgestalten, aber die Probleme bleiben. Über Ausgleiche allein kommt man nicht zu einer inklusiven Hochschule für alle Menschen. Dafür bedarf es eigentlich vorher einer anderen Denke.

Was ist das größte Problem bei der Inanspruchnahme von Nachteilsausgleichen?

Kurbjeweit: Es ist immer wieder ein Antrag, für den man sich rechtfertigen muss und der auch abgelehnt werden kann. Andere Leute entscheiden darüber, ob er angemessen ist. Nach welchen Kriterien sind die Menschen eigentlich tatsächlich qualifiziert, um das zu entscheiden? Und warum muss man sich immer wieder outen? Das ist ja immer wieder eine schmerzvolle Erfahrung. Während des Studiums treffen Betroffene garantiert auf Lehrende, die eine Lese-Rechtschreibstörung nicht für eine Erkrankung halten, die ein Recht auf einen Ausgleich begründen kann.

Ich möchte mich nicht immer für meine Beeinträchtigungen rechtfertigen müssen und möchte auch nicht, dass mir Skepsis entgegenschlägt. Der Großteil der Lehrenden kann das nachvollziehen, aber es gibt auch immer die Pappenheimer, die zu den Studierenden sagen: Na ja, sind Sie sich denn sicher, dass sie wirklich an die Uni gehören?

Welzel: So eine Kommunikation ist in der Tat nicht zumutbar für Studierende. Es kann nicht sein, dass einzelne Studierende ihre Professor/-innen von ihrem Recht auf Nachteilsausgleich überzeugen müssen. Diese Kommunikation muss aus der Beratungsstelle, den Dezernaten, dem Justiziariat geführt werden. Die Beratungsstellen sind Zentren, in die ich mit meinen Beeinträchtigungen hingehen und offen in einem geschützten Raum, in dem Vertraulichkeit gewährleistet ist, kommunizieren kann. Und dann geht etwas strukturell ganz Anderes nach außen in den Prozess. Das muss die Institution leisten: mit verteilten Rollen und auch mit eingespielten Verfahrensweisen.

Mölter: Wichtig ist, dass der Nachteilsausgleich angemessen ist. Und wichtig ist das identische Anforderungsniveau. KIS wird oft von Prüfungsausschüssen gefragt, was ein geeigneter Nachteilsausgleich wäre. Diese Kooperation muss funktionieren.

Welzel: Vor allem braucht es fachliche Expertise, um im Dialog unter verschiedenen Parametern vertretbare Lösungen zu finden.

Gibt es heute ein anderes Anspruchsdenken, ein anderes Rechtsbewusstsein seitens der Studierenden?

Kurbjeweit: Ich sehe das leider nicht. Heute kommen Menschen jünger an die Hochschulen und sind der Institution nochmal anders ausgeliefert. Sie stoßen auf autoritäre Strukturen. Damit muss man auch erst einmal umzugehen lernen. Den meisten Leuten, die zu uns in die Beratung kommen, sieht man nichts an und die wollen sich auch nicht outen. Und natürlich kommen einige Leute dann auch zu spät in die Beratung, wenn es schon schiefgelaufen ist oder die Fristen verstrichen sind.

Wenn die Studierenden in Ihre Beratung kommen mit all diesen Ängsten, Unsicherheiten und Frustrationen. Was raten Sie ihnen: Outet Euch, kämpft um Euer Recht, wir unterstützen Euch?

Kurbjeweit: Das ist sehr divers, weil die Problematiken sehr unterschiedlich sind. Wir machen ja so eine Art Peer-to-Peer-Beratung: Ich als Student kann Dir das empfehlen, das könnte funktionieren. Aber, Du kommst nicht in einer Bittsteller-Position, es gibt ein Gesetz. Du hast ein Anrecht drauf.

Mölter: Ein großes Thema bei uns in der Beratung sind Nachteilsausgleiche bei psychischen Erkrankungen. Dazu gibt es Urteile, die das Recht hierauf pauschal verneinen. Viele Universitäten beziehen sich auf diese Urteile. Die Gerichte haben aber noch nicht verstanden, dass es den Behindertenbegriff aus dem SGB IX gibt und die UN-BRK, die ja gerade psychische Erkrankungen miteinbezieht.

Ein anderes Thema ist Legasthenie, also Lese-Rechtschreibstörung. Einige Hochschulen geben bei Legasthenie den Nachteilsausgleich, andere nicht. Hier sehe ich großen Handlungsbedarf, also Aufklärungsarbeit. Ein weiteres Beispiel: Atteste. Es gibt Universitäten, die verlangen in jedem Semester ein neues Attest. Die Tests auf Legasthenie kosten ca. 250 Euro. Berappen Sie das mal als Studierende/r. Und das ist völliger Blödsinn. Wenn eine Legasthenie einmal diagnostiziert wurde, dann ist sie diagnostiziert. Die verändert sich nicht. Eine Lese-Rechtschreibschwäche ist davon zu differenzieren. Die kann sich im Verlauf verbessern. In diesem Bereich ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig.

Welzel: Für diese Aufklärungsarbeit brauchen wir dringend die Fachstelle im Deutschen Studentenwerk, die Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS), die auch in die HRK und in die Öffentlichkeit hineinwirkt. Das kann weder jeder Betroffene noch jede Hochschule selbst leisten. Deshalb muss diese Stelle auch angemessen und verlässlich ausgestattet sein.

Welche Unterstützung brauchen Lehrende und Hochschulleitungen?

Welzel: Hochschulleitungen brauchen die fachliche Unterstützung und müssen die Strukturen stärken. Das sehe ich klar wechselseitig. Angefangen hat es als Graswurzelarbeit aus der Selbsthilfebewegung – und war eine Anforderung an und eine Aufklärung von Hochschulleitungen. Ich finde, dass wir jetzt längst den Schritt erreicht haben müssen, wo diese Beratungsstellen und diese Selbsthilfegruppen in dem Bewusstsein arbeiten müssen, durch die Leitung beauftragt zu sein. Sie müssen wissen, dass die Hochschulleitung auf ihrer Seite steht. Das ist eigentlich der Schritt, den wir bundesweit mit einer „Hochschule für Alle“ vollzogen haben.

Mölter: Wichtig sind die fachliche Expertise und Schulungsangebote. Die gibt es schon durch die Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks oder durch verschiedene Universitäten. Viele bieten ja auch mittlerweile Fortbildungen zur barrierefreien Didaktik an oder binden das Thema Studieren mit Beeinträchtigungen in allgemeine Seminare mit ein.

Welzel: Eine mittelgroße Hochschule kann eine Menge vorhalten, eine kleine Fachhochschule kann das allein schon personell nicht leisten. Natürlich bieten alle Hochschulen Beratung an, aber nicht alle können es in dem Umfang wie größere Hochschulen. Wir könnten bestimmte Dinge regional clustern; hier ist die Politik gefragt. Zusätzlich brauchen wir die Beratung für die Beratungsstellen sowie für die Hochschulen und die Politik. Darin sehe ich verstärkt eine Aufgabe für die IBS.  

Mölter: Ich könnte mir beispielsweise einen zentralen Umsetzungsdienst für blinde und sehbehinderte Studierende vorstellen. Den könnte man in einem Bundesland einrichten.

Kurbjeweit: Die tatsächlich vorhandene Infrastruktur ist an vielen Orten in einem traurigen Zustand. Es ist sinnvoll, wenn man sowohl Menschen berät als auch sich mit Strukturen auseinandersetzt, denn dann kennt man die Probleme von beiden Seiten. Aber wenn man wirklich nachhaltig eine Uni wie Bremen auf dem Laufenden halten will, reicht es nicht, eine Person abzustellen, die dann die Behindertenarbeit macht.

Fühlen Sie sich eigentlich als IGH, als Interessenvertretung der Studierenden, gut durch die Hochschulleitung wahrgenommen?

Kurbjeweit: Durch die Hochschulleitung schon, eher weniger bei den Studierenden. Menschen mit nicht sichtbaren Erkrankungen finden sich von dem Begriff „Handicap“ oft nicht angesprochen. Die Hochschulleitung geht davon aus, dass wir sehr kompetent sind bei dem, was wir tun. Das ist eigentlich ein Armutszeugnis. Wir bekommen beispielsweise Anfragen, wie Sachen barrierefrei gebaut werden können. Ich weiß einiges darüber und kann sagen, wie es richtig schlecht ist, aber Expertise sieht anders aus.

Welche Verantwortung haben denn die Studierenden mit Beeinträchtigungen selbst?

Kurbjeweit: Die Studierenden sind ja nicht diejenigen, die auf die UN-BRK verpflichtet sind. Die Arbeit darf nicht bei ihnen hängenbleiben; die BRK fordert, den Fokus auf die Struktur zu legen anstatt an der beeinträchtigten Person herumzudoktern. Die Studierenden sind nicht in der Bringschuld, sondern die Uni, die ihnen die Barrieren aufbaut.

Es ist überhaupt viel zu wenig unterstützendes Material da, als dass Studierende ernsthaft in die Verantwortung genommen werden können. Noch seltener sind Ratgeber in einer Weise aufbereitet, dass jemand, der sich aufgrund der Beeinträchtigung nach der Schule vielleicht nicht unbedingt vorstellen kann zu studieren, ermutigt wird, trotzdem das zu tun, was er gerne möchte. Dem macht man mit dem bloßen Verweis auf Paragraphen nur mäßig viel Hoffnung. Das ist ein großes Problem, was sich lösen ließe, wenn die Infrastruktur besser wäre. Wir kriegen Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet, weil wir anscheinend das beste Material zu Nachteilsausgleichen online haben. Wenn es an allen Orten gut ausgestattete Beratungsstellen gäbe, wo qualifizierte Menschen sitzen, die Ahnung haben von dem, was sie da tun, und die sensibel für ihre Arbeit sind, wäre schon viel gewonnen. Und es ist wichtig, dass Menschen sich auch erst einmal anonym informieren können.

Mölter: Die Studierenden – auch die nicht-behinderten Studierenden – haben auch eine gewisse Pflicht, sich Informationen zu besorgen. Das ist auch eine gewisse Selbstverpflichtung der Studierenden. Die Universität kann ja nicht wissen, dass da jemand sitzt, der Unterstützung braucht. Also müssen die Studierenden sich melden. Und nicht erst im achten Semester und sagen: Ich habe Legasthenie und jetzt brauche ich einen vierten Prüfungsversuch.

Wie erreiche ich die Studierenden mit Beeinträchtigungen, um ihnen zu signalisieren, dass die Hochschule für sie da ist?

Mölter: Lehrende können zum Beispiel zu Beginn eines Seminars oder einer Vorlesung eine Folie zeigen auf der steht, dass es Angebote für Studierende mit gesundheitlichen Problemen an der Hochschule gibt. Wichtig ist auch, dass die Lehrenden signalisieren, dass sie in der Sprechstunde oder nach einer Veranstaltung für die Studierenden da und ansprechbar sind.

Welzel: Die Erfahrung zeigt, dass im ersten Semester alles neu ist und sich wahrscheinlich nur zehn Prozent der Informationen bei den Studierenden irgendwo verankern. Die große Herausforderung ist, die notwendigen Informationen im ersten Studienjahr mehrfach anzubieten und auf die unterschiedlichen Anlaufstellen hinzuweisen. In dieser Beziehung können wir die Beratungskonzepte verbessern, wenn wir sie mit den Angeboten der Allgemeinen und der fachlichen Studienberatung sowie den vielfältigen Angeboten in der Studieneingangsphase vernetzen.

Außerdem: Wenn es Lehrende mit Beeinträchtigungen gibt, kann Studierenden mit Beeinträchtigungen deutlich werden, dass sie einen Platz und eine Perspektive an der Hochschule haben. Es ist wichtig, Lehrende mit Beeinträchtigungen in diese Prozesse einzubeziehen und sichtbar zu machen. Das habe ich neben der konkreten Unterstützung immer als den größten Motor erlebt.

Kurbjeweit: Diese Ansagen in den Lehrveranstaltungen müssen verpflichtend sein. Das sind gut investierte drei Minuten. Anzusprechen, dass man die Studierenden unterstützen möchte, sie gerne auf sie zukommen und sie unverbindlich drüber reden können, bevor sie einen Antrag für einen Nachteilsausgleich stellen. Das ist die Grundlage einer wertschätzenden und barrierefreien Lehre.

Brauchen Sie bei Ihrer Arbeit die Daten von „best“?

Welzel: Daten sind definitiv eine Referenz zum Argumentieren. Sie machen deutlich, dass elf Prozent der Studierenden eine Beeinträchtigung haben. Das ist nicht die Mehrheit, es ist aber auch keine vernachlässigbare Minderheit. Wir verlieren unglaublich viel Wissen, wenn wir nur über große Surveys verfügen, die nicht ins Detail gehen. Deshalb finde ich die best-Studie so wichtig. Sie hat uns sehr deutlich gemacht, wie hoch der Anteil der nicht sichtbaren Beeinträchtigungen ist. Wir geben übrigens für unsere Universität immer eine Sonderauswertung in Auftrag.

Kurbjeweit: Viele Sachen, die bei der ersten Studie herauskamen, waren auch irgendwie intuitiv. Aber nun sind sie auch belegt. Ich finde es auch sehr gut, dass in die Breite gefragt wurde zu Finanzierung, Assistenz, Übergang Schule-Studium, Stigmatisierung usw. Die Studie legt offen, wo die größten Probleme liegen und geben uns die Agenda für unsere Arbeit vor.

Mölter: Die Ergebnisse helfen uns, unser Beratungs- und Informationsangebot weiterzuentwickeln und entsprechend zu verbessern. Wir müssen jetzt nur noch alle Möglichkeiten ausschöpfen, die Informationen besser zu platzieren, sodass sie die Studierenden auch erreichen.

Welche Rolle spielen die Länder, wenn es um inklusive Hochschulen geht?

Mölter: Eine große Rolle. Die Politik ist ein wichtiger Ansprechpartner, um etwas bewegen zu können im Bereich der inklusiven Hochschulen. Denken wir mal an das Programm „Bayern barrierefrei“. Die Hochschulen bekommen eine Menge Geld. Ohne das Geld wären kleine Umbaumaßnahmen auch an Bestandsbauten bei uns nicht möglich gewesen, weil die Haushaltsmittel es nicht zulassen. Man sollte alle Länder verpflichten, Geld in die Hand zu nehmen.

Welzel: Es ist ganz klar so, dass es eine auskömmliche Finanzierung geben muss, dass die Hochschulgesetze bestimmte Dinge absichern müssen, damit sich die einzelnen Hochschulen die notwendige Flexibilität nicht noch mal erkämpfen müssen,

Mölter: Ein wichtiges Thema ist die Deputatsreduzierung für Beauftragte für Studierende mit Behinderungen. Wenn man neben der Lehre nur eine Stunde Deputatsreduzierung bekommt, um Studierende adäquat zu beraten und zu unterstützen, ist das zu wenig. Meines Erachtens ist es auch Aufgabe der Wissenschaftsministerien, die Universitätsleitung noch einmal darin zu bestärken, oder eine Empfehlung herauszugeben, damit eine Deputatsreduzierung auch umgesetzt wird. Nicht alle Hochschulen sind dafür sensibilisiert.

Kurbjeweit: In Bremen ist die Situation etwas verzwickt. Bremen war ja schon in den 1980/90er-Jahren das Zentrum der Behindertenbewegung. Es gibt schon relativ lange sehr selbstbewusst auftretende Selbstvertretungsgruppen, aus denen die IGH ja auch hervorgegangen ist. Die Verwaltung und die Lehrenden waren daher tendenziell früher für diese Themen sensibilisiert. Dazu kommt, dass Bremen natürlich ein sozialdemokratisch geprägtes Bundesland ist, das sich früher auf Integration und heute Inklusion verpflichtet hat. Trotzdem merkt man schnell, welche Prioritäten die inklusive Hochschule in Zeiten des Haushaltsnotstands hat und wie Bremen seinen Vorsprung mit der Zeit immer mehr verspielt hat.

Stärkt Diversity-Management die Bemühungen um Inklusion?

Welzel: Die Chance ist, dass wir von einer Vorstellung vermeintlicher Homogenität wegkommen. Die Diversität oder Heterogenität ist der Normalfall, den eine Hochschule gestalten muss. Das auf Leitungsebene zu verankern heißt, die jeweils zuständigen Stellen mit der Expertise und mit einem Leitungsauftrag auszustatten und zu stärken.

Kurbjeweit: Ich glaube, dass wir auf jeden Fall aufpassen müssen, was da passiert. Wenn eine Uni divers werden will, kann sie das auf sehr viele verschiedene Arten und Weisen tun. Da muss man achtsam sein, dass man nicht unter die Räder kommt.

Mölter: Das hört sich gut an, birgt aber ein gewisses Risiko. Eine Diversitätsbeauftragte hat nicht die fachliche Expertise für alle Bereiche, kann einen Behindertenbeauftragten oder eine Beratungsstelle für Studierende mit Beeinträchtigungen nicht ersetzen.

Welzel: Nein. Sie kann auch eine Gleichstellungsbeauftragte nicht ersetzen. Das sind alles ja auch rechtlich unterschiedlich geregelte Teilsysteme, die in ihrer Eigenlogik gestaltet werden müssen und nicht in einem „Diversitätseintopf“ aufgehen können. Ein Prorektorat oder eine Stabsstelle für Diversitätsmanagement kann bestärken, kann unterstützen, zuweilen auch moderieren und ausbalancieren. Dann wird auch das Bemühen um Inklusion gestärkt!

Wie sollte eine Willkommenskultur für Studierende mit Beeinträchtigungen aussehen?

Welzel: Unsere große Einführungsveranstaltung wird selbstverständlich immer mit Gebärdendolmetscherinnen begleitet. Vor allem experimentieren wir gerade damit, eine Willkommenskultur zu praktizieren, die sich an alle richtet, und bei der sich niemand – mit was auch immer – outen muss. Wir informieren bei der Orientierungswoche und in den Fachschaften. Die Studierenden sollen nicht als Ersteingangssituation die Beratungsstelle sehen, sondern ihren Vorlesungssaal für Physik oder Germanistik und sich in erster Linie als Student oder Studentin angesprochen fühlen.

Mölter: Willkommenskultur ist für mich die Einbindung der Informationen in die regulären Infoveranstaltungen. Die zentrale Studienberatung gibt eine reguläre Einführungsveranstaltung für alle Studierenden. Und da wird auch kurz das Thema Studieren mit Behinderung angesprochen. Ebenso in den Einführungsveranstaltungen für die speziellen Fächer. Ich sage dann immer: Neben Ihnen kann jemand sitzen, der eine Lese-Rechtschreibstörung hat oder eine Hörbeeinträchtigung. Sie wissen das nicht voneinander. Diese Studierenden unterstützen wir.

Letztendlich ist es auch ein Stück weit Werbung für eine Universität zu sagen, bei uns sind Studierende mit Beeinträchtigungen herzlich willkommen. Und um dahin zu kommen, müssen wir immer wieder mit den Hochschulleitungen reden. Sie können auch dazulernen.

Kurbjeweit: Diese Punkte sind für mich nicht Willkommenskultur. Das sind für mich organisatorische Fragen, die höchstens den Zustand weitertragen. Für mich wäre eine Willkommenskultur, wenn ich schon, bevor ich mich bewerbe und einschreibe, das Gefühl vermittelt bekomme, dass ich dort mit meiner Beeinträchtigung wertgeschätzt bin und ich nicht durch Barrieren im Studium zusätzlich belastet werde. Ich finde es ganz wichtig, dass man das von Anfang an offensiv oder fast aggressiv kommuniziert, dass die Uni dazu bereit ist, sich die Last, die ihre Strukturen mitbereiten, selber aufzubürden. Natürlich im ganzen Diversity-Spektrum, da es hier nicht nur um Beeinträchtigungen geht, sondern auch um viele andere Themen. Aber wichtig ist zu kommunizieren: Wenn Du Abitur und Lust darauf hast, ist ein Studium tendenziell etwas für Dich. Bis wir da angekommen sind, gibt es aber noch einiges zu tun. Derzeit frage ich mich leider oft noch, ob die Hochschulen wirklich menschenfreundliche Einrichtungen sind. Das sind radikale Fragen, auf die bisher keine befriedigenden Antworten gefunden sind. Es geht da um Menschenrechte, Inklusion und vieles mehr. Da muss man an die Grundlagen. Es reicht nicht, einmal eine Strategie zu entwickeln, schöne Bilder zu machen – und dann haben wir alles erledigt. Die Hochschulen müssen ihre Praxis immer wieder hinterfragen und sich selbst reflektieren. Das ist ein anhaltender Prozess.

Welzel: Ich würde es anders herum sagen: Wir brauchen Hochschulen als Orte, an denen jeder und jede in Würde und demütigungsfrei studieren kann. Wir verwenden inzwischen eine Menge Energie drauf, dass nicht nur der Frust über ein Problem wahrgenommen wird, sondern auch die Lösung. Sie soll stärker und bestärkend in Erinnerung bleiben.

Mölter: Und die Studierenden müssen offen sein für Lösungen, auch wenn diese nicht immer perfekt sind.

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