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Helden des Hochschulalltags 2007/08

Die Preisträger/innen des 3. Studentenwerkspreises

Eine für alle
Die Studentin der Verfahrenstechnik Ingrid Rumpf von der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus will wissen, wie „es“ funktioniert: das Studium, die Hochschule, die Hochschuldemokratie, das Studentenwerk. Ihr Wissen gibt sie an andere weiter. Sie ist im Fachschaftsrat Umweltingenieurwesen und Verfahrenstechnik der BTU Cottbus aktiv, im Fakultätsrat, im Studierendenrat, im Präsidium des Studierendenparlaments, in der Brandenburgischen Studierendenvertretung und im Verwaltungsrat des Studentenwerks Frankfurt Oder.

Dabei geht es ihr nicht um Ämterhäufung: Sie handelt, hilft, berät, verhandelt, kämpft – im strategischen Großen wie im alltäglichen Kleinen. Sie arbeitet an besseren Studien- und Prüfungsordnungen mit, organisiert Wahlen oder eignet sich verwaltungstechnische und juristische Kenntnisse an, um sich noch effektiver für ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen einsetzen zu können. Ingrid Rumpf engagiert sich für die Einführung eines „Umwelteuros“, den Uni und Studierende gemeinsam finanzieren, und der eine nachhaltige, umweltgerechte Entwicklung der Hochschule befördern soll.

Ihre Kompetenz, ihr Durchhaltevermögen, ihre Hartnäckigkeit, ihre hochschul- und umweltpolitische Passion haben die Wettbewerbsjury beeindruckt. Damit schließt sich die Jury der Meinung von Dr. Monika Rau, Leiterin Präsidialabteilung der BTU Cottbus, und von Christine Land, Zentrale Studienberatung, an, die die Studierende für den Preis vorschlugen.

Mit einem Preisgeld von 750 EUR hat die Jury des 3. Studentenwerkspreis das breite zivilgesellschaftliche Engagement Ingrid Rumpfs belohnt.


Berufe aus dem Netz 
„Was willst Du damit überhaupt später mal machen?“ – eine Frage, die sich sicherlich so mancher Studierender über seine Studienfachwahl anhören muss. So auch Sebastian Thiele, Geschichtsstudent an der Universität Freiburg. Er aber lässt sich diese Frage gerne stellen, denn er hat darauf jede Menge Antworten parat. So viele, dass er dazu eine eigene Homepage entwickelt hat.


Mit www.berufe-fuer-historiker.de will Sebastian Thiele zukünftigen Historikerinnen und Historikern berufliche Perspektiven aufzeigen. Ob Fundraiser oder Politikberater: Bei „Berufe für Historiker“ finden sich Beispiele für die verschiedensten Berufsfelder. Man kann Praktikantenberichte lesen oder erfahren, welche Online-Jobbörsen sich für Historiker eignen. In Interviews geben Lektoren, Unternehmensberater oder Museumsmenschen Tipps für die Karriere. Es gibt Artikel zum Für und Wider einer Promotion. Sogar, was eine Vergangenheitsagentur eigentlich macht, lässt sich nachlesen.


Sebastian Thiele hat akribisch und hartnäckig recherchiert, mit großem Aufwand Informationen, Artikel und Berichte gesammelt und diese Informationen nutzbringend für andere zugänglich gemacht. Er hat ein Netz für seine Mitstudierenden geschaffen. Hierfür hat ihn die Jury von „Studierende für Studierende“ mit 750 EUR ausgezeichnet: Der Initiative wünscht sie noch mehr Mitstreiter und Nachahmer, damit der Weg von Hörsaal in den Job nicht zur Stolperstrecke wird.

Vorgeschlagen wurde der Preisträger von Jonathan Dinkel, Sprecher der Fachschaft Geschichte der Universität Freiburg.


Mit Postkarten gegen ein Tabuthema

Verwandten-Ehen unter Muslimen sind noch immer verbreitet. Die Heirat – zum Beispiel zwischen Cousin und Cousine – geschieht durchaus nicht immer ganz freiwillig. Yasemin Yadigaroglu, Studentin an der Universität Duisburg-Essen, hat festgestellt, dass auch für viele ihrer muslimischen Kommilitoninnen das Thema Verwandten-Ehe zu Konflikten mit den Eltern führt. An einer Universität mit einem hohen Anteil von Studierenden mit Migrationshintergrund und in einer Stadt mit einem großen muslimischen Bevölkerungsanteil hat sie deshalb eine wichtige Debatte angestoßen und vielen Mitstudierenden den Rücken gestärkt: Ihre Aufklärungskampagne „Verwandten-Ehe? Nein danke“ hat sie wissenschaftlich fundiert, prägnant gestaltet und breit vernetzt, unter anderem mit der Aktion Mensch oder der Stadt Duisburg. So startete Yasemin Yadigaroglu eine Umfrage unter Studierenden, führte Interviews mit Experten, ließ Postkarten zu diesem Thema drucken, zog Sponsoren für ihre Aktion an Land. Dabei musste die Studentin einiges an Zivilcourage beweisen: Ihre Aufklärungskampagne war von persönlichen Anfeindungen, von  Zutritts- oder Redeverboten begleitet.

Was an der Universität Duisburg-Essen begann, zog schon bald überregionale, sogar internationale Aufmerksamkeit auf sich. Die „ZEIT“ berichtet über Frau Yadigaroglus Anliegen, ebenso die „New York Times“.

Andrea Hense, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Dusiburg-Essen, war von dem Engagement von Yasemin Yadigaroglu so überzeugt, dass sie sie für den Wettbewerb nominierte. Auch die Jury fand: Yasemin Yadigaroglu verdient für ihre Aufklärungskampagne einen Preis und zeichnete sie mit 1.500 EUR aus. www.verwandtenheirat.de


Wissenschaftlich publizieren und interdisziplinär lesen
Sich einmal um seine eigene Achse zu drehen, heißt, einen 360° Blick zu haben. Bei einer 360°-Drehung erfährt man viele Perspektiven, viele Blickwinkel. Und genau das wollen auch die Macher des studentischen Journals „360°“. Ihr Name ist ihr Programm! Die Macher, das sind Studierende aus Münster, Berlin, Freiburg oder Magdeburg.

Jeder Studierender kennt das: Man sitzt wochen-, monatelang an einer wissenschaftlichen Hausarbeit. Man recherchiert, analysiert, trägt akribisch Zahlen und Fakten zusammen, schreibt. Und dann verschwindet die Arbeit nach einer kurzen Zeit der Aufmerksamkeit des Professors unwiderruflich in einer Schublade.

Dieses brachliegende Potenzial kluger Texte und Ideen zu nutzen und gleichzeitig Studierenden ein Forum für wissenschaftliches Publizieren zu eröffnen, war das Anliegen der 360°-Redakteure. Vor drei Jahren entwickelte das Team um Dominic Schwickert ein spannendes Magazin-Konzept: Jedes Semester erscheint ein wissenschaftliches Heft zu einem anderen aktuellen Thema, das aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet wird. Deshalb sind Studierende aller Studiengänge eingeladen, zum jeweiligen Themenschwerpunkt Fachartikel einzureichen. Die 360°-Redaktion trifft daraus ein Vorauswahl, die anschließend von einem wissenschaftlichen Beirat unter die Lupe genommen wird. Erst was vor dem kritischen Blick der Experten besteht, darf ins Heft.

Am Ende dieses Prozesses aus Themenwahl und Redaktion steht ein wissenschaftliches, interdisziplinäres Journal, das auch mit einem professionellen Design besticht. Ein gutes Heft zu machen, bedeutet aber noch lange nicht, eine gesicherte Finanzierung zu haben. Und auch hier machen sich die 360°- Leute mit enormen Engagement ans Werk: Sie werben um Spenden, verkaufen Abos, holen Anzeigen rein und überzeugen Bibliotheken und Buchläden, das Magazin in ihren Bestand aufzunehmen. Trotzdem geht auch der ein oder andere Euro aus eigener Tasche drauf, um die Fortsetzung dieses ambitionierten Projektes zu sichern. Das Preisgeld in Höhe von 2.500 Euro wird nun zum Druck des nächsten Heftes beitragen.

Den Preis verdankt die Gruppe 360° nicht zuletzt Prof. Dr. Klaus Schubert, Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster, der die Bewerbung für den Studentenwerks einreichte. www.journal360.de


Das Erste-Hilfe-Fernsehen

Sie filmen alles, was ihnen auf dem Campus vor die Kamera kommt: Wie der High-Tech- Kopierer funktioniert, was sich hinter dem Geheim-Raum in der Uni verbirgt oder wie weit man mit dem Studi-Ticket kommt. Dann stellen sie ihre Filmbeiträge auf ihrer Seite „ersti.tv“ ins Internet ein.

Flyer und Broschüren für Erstsemester gibt es viele. So anschaulich aufbereitete Tipps und Hinweise wie bei „ersti.tv“ von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz wohl wenige. Während eines Seminares zum Thema „Internet-TV“ entstand die Idee, Informationen für Campusneulinge als Filme zu produzieren und allen zugänglich zu machen. Jeder, der Orientierung braucht im verwirrenden Hochschulalltag, kann sich hier äußerst anschaulich Hilfe aus dem Netz holen: Reader-Plus – was ist das? Was muss ich bei Hausarbeiten beachten? Wo kann ich gebrauchte Bücher kaufen? Was bietet mir der Hochschulsport? Aber auch – wie kriegen die in der Mensa eigentlich das Essen so günstig hin?

Zu allen möglichen und unmöglichen Fragen gibt es filmische Antworten. Ernstes und Skurriles, alles wird mit einem gewissen Augenzwinkern aufbereitet. Auch internationale Studierende werden fündig: die Videos gibt es zusätzlich auf englisch. Und wem das große Video-Clip-Angebot noch nicht reicht, findet zusätzlich im Erstikon – einem Hochschul-Wikipedia – viele weitere Erklärungen und Ratschläge zum Nachlesen.

Recherche, Dreh, Schnitt und Vertonung – alles geschieht in Eigenregie. Auch die Kosten tragen die ersti.tv-Mitstreiter selbst. Vom AStA kommt einen Zuschuss zu den Webkosten.

Für ihr höchst professionell umgesetztes Projekt wurde die Gruppe mit 2.500 EUR belohnt. Die Jury war sich einig, dass die von Lisa Bicknell, Vorsitzende des AStA der Universität Mainz, eingereichte Initiative Unterstützung verdient und ausdrücklich zur Nachahmung an anderen Hochschulen empfohlen werden soll. www.ersti.tv


Studium – ein Kinderspiel?
5.000 Studierende sind es, die an der Technischen Universität Dresden das Wagnis Studium und Kind eingegangen sind. Sie finden im Campusbüro „Studieren mit Kind“ viele Beratungsangebote, nützliche Informationen, einen Betreuungsraum, ein Spielzimmer und eine Ruhezone. Mütter können ihre Babys stillen, der Nachwuchs kann seinen Brei löffeln, im „Babycafé“ gibt es Stärkung für gestresste Väter und Mütter. Dass das Campusbüro „Studieren mit Kind“ so rasch zu einer festen Größe geworden ist, dass die TU Dresden zusammen mit dem Studentenwerk die Nase so weit vorne hat beim Thema Familienfreundlichkeit – das ist das Verdienst von engagierten Studierenden.


Nicht nur Angebote machen, sondern „Hilfe zur Selbsthilfe“ ermöglichen: Diesem Leitsatz haben sich die studentischen Eltern von der Initiative „Studieren mit Kind an der TU Dresden“ verschrieben. Vernetzung ist ihnen daher äußerst wichtig. Sie bringen Studierende mit Kind zusammen und fördern einen intensiven Erfahrungsaustausch und gegenseitige Hilfe. Die Initiative „Studieren mit Kind an der TU Dresden“ wirkt aber auch in die Stadt hinein, vernetzt sich mit kommunalen Partnern, zum Beispiel der Paten-Oma-Initiative.


Außerdem engagiert sich die Gruppe für bessere, familienfreundlichere Studienbedingungen – aktuell zum Beispiel in der Unibibliothek, die stärker auf die Bedürfnisse der Studierenden mit Kind ausgerichtet werden soll.

Prof. Dr. Rudolf Pörtner, Geschäftsführer des Studentenwerks Dresden, schlug die Gruppe „Studieren mit Kind an der TU Dresden für den Studentenwerkspreis vor. Die Jury zeigte sich von dem Engagement ebenfalls überzeugt: 2.500 EUR Preisgeld sind das erfreuliche Ergebnis. www.uni-mit-kind.de


Energiewende auf dem Hochschuldach
Von Klimaproblemen reden viele. Sie haben sich entschieden, etwas zu tun: Zehn  Studierende, die sich vor 3 Jahren an der Universität Leipzig zusammengefunden und beschlossen haben, nicht länger zu reden, sondern aktiv zu werden. Das war die Geburtsstunde der Gruppe UniSolar.

Nichts weniger als die „Energiewende auf dem Hochschuldach“ hatten sie sich zum Ziel gesetzt. Ihre einfache, aber geniale Idee: Die vielen Dachflächen der Leipziger Hochschulen zu nutzen, um klimafreundlichen Strom aus Sonnenenergie zu gewinnen. Um die teueren Fotovoltaik-Anlagen zu finanzieren machte sich UniSolar mit Hartnäckigkeit, Idealismus und viel Engagement daran, Geldgeber zu gewinnen. Jedoch nicht, indem sie sich mit Spenden-Briefen an große Firmen wendeten, sondern indem sie ihre Kommilitonen und Professoren fragten. Und bekamen das Geld spielend zusammen. Denn dies war der zweite Teil ihrer Idee: Wer Geld geben wollte, sollte dies nicht als Spende tun, sondern als verzinstes Darlehen. Über den Verkauf des gewonnen Stroms an die Leipziger Stromversorger werden die Zinsen finanziert bzw. die Darlehen zurückgezahlt.


Das Konzept ging auf: Es gelang der Gruppe, das Studentenwerk Leipzig, den StudentInnenRat und die Hochschulleitung zu überzeugen und als Kooperationspartner zu gewinnen. So kam innerhalb von nur sechs Wochen das Geld zusammen. Und es wurde noch viel mehr erreicht: Die Hochschulangehörigen setzten sich intensiv mit dem Thema Klimaschutz auseinander. Und UniSolar konnte beweisen: Auch Geld anlegen kann die Umwelt glücklich machen. Inzwischen hat das Beispiel von UniSolar bereits Schule gemacht: Fünf weitere Hochschulen haben die Idee von der „Energiewende auf dem Hochschuldach“ übernommen.


Auch die Jury des 3. Studentenwerkspreises war von diesem nachhaltigen, zukunftsweisenden und gleichzeitig höchst professionell umgesetzten Projekt überzeugt und zeichnete die Gruppe mit 2.500 EUR aus. Für die Teilnahme am Wettbewerb stark gemacht hatten sich Marcel Wodniock, Sprecher StudentInnenRat der Universität Leipzig und Frank Kießling, Geschäftsführer des Studentenwerks Leipzig. www.unisolar-leipzig.de

 



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