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Das Erlanger Programm von 1921

verabschiedet auf dem 4. Deutschen Studententag, 1. bis 4. Juli 1921 in Erlangen

Forderungen:

A. Die Gegenwart

1. Die studentischen Wirtschaftskörper
An jeder Hochschule ist die Gesamtheit der Wirtschaftseinrichtungen zusammenzufassen zu einem lebensbeständigen, rechtsfähigen studentischen Wirtschaftskörper in gemeinsamer Arbeit mit Dozenten und Freunden.

Seine Aufgabe ist nicht eine begrenzte, sondern eine umfassende, nicht nur Zwischenhandelsausschaltung oder Lebensmittelverbilligung, sondern Werkgemeinschaft zur Sicherung des jetzigen und späteren Lebens der Studentenschaft und damit des Bestandes der Hochschule. Der Wirtschaftskörper ist die Antwort der Studentenschaft jeder Hochschule auf die drohende Vernichtung, die die Not der Zeit, das sichtbare Zeichen des Willens, an der Rettung Deutschlands mitzuarbeiten.

Bewährte Muster sind gegeben. Nur straffe Zusammenfassung der einzelnen Wirtschaftseinrichtungen am Orte gewährleistet die Lösung der Aufgaben; die stufenmäßige Weiterentwicklung unter vollster Wahrung der örtlichen Eigenart ist anzustreben.

Das Entscheidende sind nie Satzungen oder Geldmittel, sondern Menschen. Der Kreis der berufenen Führer und Werkgenossen umfasst die besten der pflichtbewussten Studenten aller Gruppen.

Die Hauptarbeit liegt an den einzelnen Orten selbst. Die „Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft“ will nicht das Reich mit einem Wirtschaftsscheingebilde überziehen, das von einem Punkte aus zu leiten ist. Sie wird im Störungsfalle herbeigerufen rasch helfend zur Stelle sein und steht jederzeit für Ratschläge und Auskünfte zur Verfügung. Zugleich will sie dienen als Anwalt und Fürsprecher gegenüber der Öffentlichkeit, amtlichen Stellen, anderen Verbänden. Örtliche Energie oder Entschlusskraft kann und will sie nie ersetzen.

2. Nicht Almosen, sondern Selbsthilfe
Die Deutsche Studentenschaft lässt sich den Weg für ihre Wirtschaftshilfe nicht von außen vorschreiben. Sie wird auf alle Mittel verzichten, die ihr mit einer Zweckbestimmung zur Verfügung gestellt werden, durch die ihr Wille beeinflusst oder durchkreuzt werden soll. Alle vorhandenen örtlichen und zentralen Mittel sind in erster Linie einzustellen auf die Weckung und Unterstützung des Selbsthilfewillens des Einzelnen, der Verbände und der Orte. In diesem Sinne sollen auch die Studentenküchen ihren Stolz dareinsetzen, frühzeitig auf sich selbst zu stehen, preiswerte oder unentgeltliche Lebensmittel aus der Landwirtschaft, Betriebsmittel aus der Industrie ihres Hinterlandes zu gewinnen. Fürsorge ist zu beschränken:

a. auf die Kranken.

Sie ist unter ärztlicher Leitung planmäßig und umfassend durch Krankentische, Liegehallen, Kuraufenthalte und Versicherung auszubauen mit dem Ziele der raschesten Zurückführung der Heilbaren in die Reihe der gesunden Studenten. Die Aufgabe ist erschreckend groß. Allein 3000 heilbare Tuberkulose sind zu retten und ihrem Studium zurückzugeben.

b. auf die Kriegsteilnehmer, die Prüfungs- und Gelehrtenkandidaten.

Ihnen ist sorgenfreie Möglichkeit für geistige Arbeit zu verbürgen, letzteren gegebenenfalls für lange Zeiträume. Allen anderen Kommilitonen sollen Zuwendungen, Unterstützungen und Vorteile nur zugewandt werden, wenn sie alle Mittel, sich selbst zu helfen, erschöpft haben und durch lebendige Mitarbeit in den Wirtschaftskörpern oder durch Nebenerwerb bewiesen haben, dass sie die Not Deutschlands verstehen und bereit sind, an seiner Rettung innerlich und äußerlich mitzuarbeiten.

B. Die Zukunft

3. Der Werkstudent
Die Erfahrung beweist, dass diejenigen Kommilitonen, die während der Ferien oder für längere Zeit Beschäftigung in Handwerk, Fabriken, Bergwerken, Landwirtschaft genommen haben, nicht nur mit einem reichen Geldarbeitsertrag zurückkommen, sondern dass sie in sich erworben haben das weder durch Steuern noch durch Sanktionen zu vernichtende, stets neue Erträge abwerfende Kapital einer unmittelbar an dem Produktionsprozess angeschlossenen Handfähigkeit. Dieser Werkstudent war vor einem Jahre in Deutschland noch ein Traum, heute ist er durch Mut und Tatkraft einiger Hundert entschlossener Kommilitonen verwirklicht. Der Weg steht offen. Die Erfahrungen waren gute. Die Arbeitnehmer und ihre Verbände ebenso wie die der Arbeitgeber zeigten großes Verständnis und Entgegenkommen. Die Betriebsrätezentrale Sachsen z. B. hat den örtlichen Betriebsräten die Angelegenheit warm empfohlen.

Der daraus abgeleitete Gedanke, der Deutschen Studentenschaft, soweit sie in Not ist, als wichtigste wirtschaftliche Maßnahme die Einführung einer über einen längeren Zeitraum sich erstreckenden Erwerbsarbeit in einem Handbrief als Ehrenpflicht jedes künftigen Studenten vorzuschlagen, ist in dieser allgemeinen Form heute noch verfrüht. Dagegen ist den tüchtigsten Studenten, die in sich Kraft und Verantwortung fühlen, diesen Weg als Pioniere zu bahnen und zu erweitern, er als die beste und einzig unfehlbare wirtschaftliche Selbsthilfemaßnahme zu empfehlen. Schon auf den Mittelschulen ist er den Entschlossensten der Sechzehnjährigen nahezubringen.

Die Durchführung hat nach bewährten Mustern zu erfolgen. Der Werkstudent allein erlebt die Wirtschaft, sie kann von ihm fürderhin nicht mehr angesehen werden als „couleur- und offiziersunfähiges“ Krämerhandwerk. Er wird in ihr erblicken ein Werk, das zu seiner Vollendung aller Energien bedarf, der Befruchtung durch die stärksten inneren Erlebnisse geistiger, religiöser, künstlerischer Art, damit aus ihr geschaffen werde die neue Wirtschaft, die höchste Kunstform, vollendetste Gestaltung ist. Das Wort, dass die einzig reibende Wirtschaftskraft der Privatvorteil des Einzelnen sei, gilt ihm als durch den Aufbau aller studentischen Wirtschaftskörper widerlegt.

4. Der Schritt zur Befreiung des deutschen Studenten aus allen Wirtschaftsabhängigkeiten zur Autonomie
Die Romantik einer kleinen süddeutschen Universitätsstadt darf nicht täuschen über den furchtbaren Ernst der deutschen Wirtschaftslage, die durch die Mittel moderner Finanzkünste in der Öffentlichkeit noch immer verschleiert sind. Staats- und Gemeindeschulden wachsen ungeheuer. Die Lage des ganzen intellektuellen Mittelstandes ist sehr gedrückt, kann morgen verzweifelt sein. So gewinnt die Forderung neue Bedeutung, dass der Zugang zu den Hochschulen nicht vom Vermögensstande des Vaters, sondern allein vom geistigen Vermögen des Studenten abhängen soll. Unentgeltlichkeit in diesem Sinne, diese Selbstverständlichkeit wird gegenüber der schnell zunehmenden Verelendung unserer intellektuellen Schichten völlig unabweisbare Forderung und das einzige mögliche erstrebenswerte Endziel im Wirtschaftsplan einer Deutschen Studentenschaft.

Die Durchführung dieser Forderung lässt sich nur schrittweise im Rahmen eines ungefähr zehnjährigen Arbeitsprogramms verwirklichen. Voraussetzungen sind: starker Aufbau der örtlichen Wirtschaftskörper, Verbannung jeden Almosencharakters, Entwicklung des Werkstudenten. Der mögliche Aufbau: Schon unter den Sechzehnjährigen der Mittelschulen Werbung für den Gedanken des Werkstudenten, Beginn der Handausbildung während der großen Schulferien, später hoffentlich innerhalb des Schulplanes. Unmittelbar an die Schule anschließend 1-2 Jahre Werkarbeit, später während der Hochschulferien fortgesetzt. Einen großen Teil des Studiums bestreitet der Student aus dem Ertrag der Zeit der Werkarbeit. Für den Abschluss des Studiums werden ihm auf Grund des Nachweises des Selbsterworbenen weitere Mittel zur Verfügung gestellt, nicht aus der Staatskasse, sondern aus einer Darlehensbank, deren Schaffung Ehrenpflicht der deutschen Wirtschaft sein wird, nicht aus Mitleid, sondern aus Achtung vor dem von der Deutschen Studentenschaft selbst Geleisteten.

 



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